Sigmar Polke, Stadtbild, 1969, Staatliche Museen Kassel

Sigmar Polke (geb. 1941)
Wolkenkratzer, 1968, Öl auf Faschingsseide, 190 x 150 cm
 Inv. Nr. AZ 1984/3








Das Stadtbild I ist nicht auf Leinwand, den traditionellen Bildträger, gemalt, sondern auf einen industriellen Dekorationsstoff. Die lilafarbene Seide mit aufgedruckten goldenen Sternen, Mondsicheln und kreisrunden Sonnen entfaltet als Teil des Bildganzen einen eigenen Darstellungswert. Gleichzeitig ist sie Bildträger für Polkes Malerei, eine Skyline aus mehreren Wolkenkratzern. In unterschiedlichem Abstraktionsgrad sind diese mit direkt aus der Tube aufgetragenen Umrißlinien und teils flächiger Ausmalung, teils ornamentalen Spiralen angedeutet. Polke wählt ein 1969 in Deutschland noch exotisch anmutendes Motiv und nimmt seine Faszinationskraft wörtlich, indem er die Wolkenkratzer an einem Ornament aus Himmelskörpern kratzen läßt. Dadurch werden alle Assoziationsfelder des Motivs, etwa Wachstum und Fortschritt, auf die kleinbürgerliche Idylle einer Faschingsdekoration zurückgestutzt. Polkes Ironie richtet sich einerseits gegen den Konservatismus der beginnenden Wohlstandsgesellschaft. Er opponiert aber auch gegen die traditionellen Erwartungen an einen Künstler, der auf einer weißen Leinwand sein Werk aus dem Nichts zu schaffen hat.





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